Chronik

Morgenblatt für gebildete Leser, fünfunddreißigster Jahrgang, 11. Oktober 1841,
Stuttgart und Tübingen, im Verlage der J. G. Cotta´schen Buchhandlung
Verantwortlicher Redakteur: Hauff

Mehr als solche Wanderungen wird aber die Schiffahrt gepflegt, und es gibt kaum ein Gewässer, wo es so lustig wäre, Marine zu spielen, als der Chiemsee. Die Eingebornen freilich bedienten sich bisher in ihren Einbäumen nur der Ruder und kannten die Wohlthat der Segel nicht; aber wie sie den menschenfreundlichen Entdeckern die edle Trinkkunst und die Bereitung der Beefsteaks bereits zu verdanken haben, so traten in diesem Jahre zu jenen Segnungen auch noch die fruchtbringendsten Offenbarungen aus einer höheren Nautik.
Ein alter Fischer wurde für die neue Idee gewonnen und stellte in seinem Nachen einen roten Mastbaum auf, der früher eine Fahnenstange gewesen, und als Rahe befestigte er eine schöne Leiste daran, an welcher zu Klosterszeiten die Meßgewänder gehangen hatten. Dann nahm er ein altes Tischtuch und machte ein Segel daraus, dessen Enden er mit Bindfaden seemännisch zu richten lernte. Oben am Mast endlich steckte er die weiß und blaue Flagge aus.
So lag die fertige Schaluppe zwei Tage lang vor seinem Haus vor Anker; denn es war eine sonnige Windstille eingetreten, und den lauten Vorurtheilen der ruderliebenden Insulaner gegenüber war es wünschenswerth, daß das erste Wagniß günstig ausfiele. Während dieser beiden Tage hatten indeß die Herren viel zu kämpfen mit der übeln Stimmung, die der besegelte Nachen aufgeregt. Die Fischer hießen sie Visionäre, und in ihren Hütten gab es großes Gelächter über den alten, neuerungssüchtigen Handwerksgenossen.
Am dritten Tag aber erhob sich ein stattlicher Westwind, und als sofort die seekundigen Recken in der alten Eiche mit dem geweihten Takelwerk unter dem pfeifenden Zephyr über die hohen Wogen dahin brausten, mit mächtig geblähtem Segel und stolz flatterndem Wimpel, so schnell, daß sie in anderthalb Stunden vor Grabenstett einliefen, wohin die Anderen dritthalb brauchen, da fanden sie bei ihrer Rückkehr die öffentliche Meinung auf dem Eilande ganz verändert.
Das höhnische Lächeln war in ein fröhliches Erstaunen übergegangen, der besliche Unglaube in anerkennende Bewunderung, und die neue Kunst scheint für alle Zeiten gesichert. Der alte Fischer, der dies Abenteuer bestanden, erklärte, das habe er sich nie träumen lassen, daß er in seinem sechzigsten Jahre über den Chiemsee noch mit Segeln fahren würde, wie die auf dem Meere, und die wichtige Begebenheit wurde in der Chronik niedergelegt.

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