Die Geschichte der Plätte

Chiemseeplätte mit Seitenschwert

Plätte mit Seitenschwert

Zunächst ist die Plätte ein reines Fischerboot, mit dem ausschließlich gerudert wird. Als man entdeckt, dass man mit ihr auch gut segeln kann, wird sie mit einem Seitenschwert ausgestattet. Allerdings wird das Plättensegeln lange Zeit abwertend als „Bauernsegeln“ bezeichnet.

Zwischen den beiden Weltkriegen wird die Plätte zunehmend als Segelboot genutzt, und sie bekommt ihre heutige Form. Im Wettkampf gibt es zu dieser Zeit drei Wertungsklassen – A, B und C – die Unterschiede bestehen in der Größe der Segel. Nach der Preisverleihung bei einer Regatta ist Eugen von Beulwitz, seit 1932 Präsident des CYC und ein passionierter Segler, von diesem Bootstyp so begeistert, dass auf sein Bestreben hin beschlossen wird, ein preisgünstiges Boot einer Einheitsklasse zu entwickeln.
Im Jahr 1932 entsteht daraus der Bauplan der „10 qm Einheits-Segelplätte“. Federführend sind neben CYC-Präsident Eugen von Beulwitz der Ingenieur Sepp Holzmayer und der Bootsbauer Franz Madl. Der Chiemsee Yacht Club beauftragt die Bootswerft Madl auf der Fraueninsel mit dem Bau der ersten Einheitsplätte. Sie wird im Jahr 1933 fertiggestellt und auf den Namen „Chiemo“ getauft.
1934 nehmen dann schon mehrere Einheits-Segelplätten erstmals an der vom CYC ausgerichteten Bayerischen Woche teil, und die „Chiemo” gewinnt den ersten Punktpreis.

Aus der Yacht, Jahrgang 1933, Heft 31: “10qm Einheits-Boot (Plätte) für den Chiemsee”

1930

Foto: CYC

“Das so entstandene Boot ist nicht nur zum Regattasegeln zu gebrauchen, sondern mit einem Zeltdach versehen auch ein brauchbares Wanderboot und ein seetüchtiges, zu Erwerb und Vergnügen geeignetes Ruderboot. Es ist darauf geachtet, daß Mast und Spieren im Boot untergebracht werden können. Die Materialstärken der Takelage sind so bemessen, daß stehendes Gut in Fortfall kommen kann. Es ist also bei schwereren Böen möglich, auch bei raumem Wind das Segel auswehen zu lassen, was für die Sicherheit wesentlich ist. Das leichte Holz macht das Boot auch ohne Luftkästen unsinkbar, die große Länge erhöht die Schnelligkeit. Über die Seetüchtigkeit des Typs, auch bei recht erheblichem Seegang, liegen ausgedehnte Erfahrungen vor.
Der aussschlaggebende Gesichtspunkt war immer der, den Preis für das fertige Boot so niedrig wie möglich zu halten. Man kann wohl sagen, daß mit dem vorgeschriebenen Höchstpreis von 180,– RM. in Fichte, 200,– RM. in Föhre und 210,– RM. in Lärche eine untere Grenze für ein regattafähiges Boot erreicht ist, die nicht so leicht unterboten werden dürfte. Es steht zu hoffen, daß der Segelsport auf dem Chiemsee durch diese einheimische Bootsklasse neue Anregung und neuen Zuwachs besonders von der Jugend erhält.”…

Die Herreninsel - Postkarte

Die Herreninsel – Postkarte

Aus einem Bericht von 1935:Chiemseeplätte in neuer Form”

“Vor einigen Wochen veröffentlichten wir in Heft 33 dieses Jahrgangs ein Bild vom Start der am Chiemsee heimischen sogenannten Plätten. Es sind dies sehr billige luggergetakelte Boote, deren Spant etwa die Form eines Kastens mit leicht geneigten Wänden aufweist. Ein am Chiemsee ansässiger Bootsbauer hat jetzt gemeinsam mit einem Konstrukteur aus dieser Plätte ein neuartiges Boot entwickelt, das segelfertig nur 270,– R.M. kostet.
Der platte Boden des Rumpfes blieb erhalten, auf diesem stehen die geklinkerten Bordwände derart, daß sich ein Spant etwa in der Form eines U mit glattem Boden ergibt, der im Wasser den Eindruck einer Jolle erweckt. Als Takelage gelangen ein Großsegel von 10 qm und ein Vorsegel von etwa 2,5 qm zur Verwendung. Von den Booten, die recht gute Segeleigenschaften besitzen sollen, wurde eine größere Anzahl für Magdeburger Rechnung bestellt.”

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Die ursprüngliche Bezeichnung „Chiemsee Luger“ konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Im Jahr 1932 erhält die Chiemseeplätte einen einheitlichen Riß. Eine steilere Takelage verhilft zu besseren Am Wind-Eigenschaften. Außerdem wird ein mittiger Schwertkasten mit einem Steckschwert aus Eisen anstatt des Seitenschwertes integriert. Die Einstellung der Höhe des Steckschwertes erfolgt bis heute auf einfachste Art und Weise an drei Punkten am Steckschwert mittels eines durchgesteckten Eisenstiftes. 1944 wird der Bauplan der Chiemseeplätte nochmals verändert.

Segelmaße

Skizze für ein Plättensegel mit Fock
(Sebastian Obermeier, Segelmacher in Breitbrunn seit 1953)

Die Chiemseeplätte wird im Laufe der Zeit zu einer der beliebtesten Regattaklassen am See und die stärkste Bootsklasse im WVF. Die Fraueninsel entwickelt sich zum Zentrum des Plättensegelns. Etliche, bei nationalen und internationalen Regatten sehr erfolgreiche Segler erlernen auf der Chiemseeplätte die Kunst des Regattasegelns. Auch wenn es immer wieder ein großes Auf und Ab in der Geschichte der Plätte gibt, genießt die Plätte seit dem Anfang der 80er Jahre einen kontinuierlichen Aufschwung. Das sieht man allein schon an den damaligen traditionellen Senioren-Regatten vom WVF, bei denen bis zu 35 Plätten starteten.

Trotz des festgelegten Bauplans von 1932 mit einer Ergänzung im Jahr 1944 und im Jahr 1954 sorgte der Plättenbau immer wieder für Diskussionen, sei es um die Einhaltung des Planes, um das Gewicht der Plätte oder um die Segelgröße. Um die Chiemseeplätte weiterhin als einheitliche Klasse zu erhalten – es hatten sich bei den Regattaseglern ein paar kleine und nicht originalgetreue technische Finessen eingeschlichen – wurde von engagierten Plättenseglern in langen winterlichen Diskussionen bei ihren Plättenstammtischen – die Klassenregeln der 10 qm Einheits – Segelplätte – , orientiert
am Bauplan vom 4. Mai 1954 “ ausgearbeitet und im Februar 2015 verabschiedet.

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Foto: CYC

Foto: CYC

Natürlich bleibt die Plätte ihrer ursprünglichen Bestimmung nach weiterhin ein beliebtes Fischer- und Ruderboot. Neben dem wettkampforientierten Regattasegeln bei Plätten-, Holzboot- und Oldtimerregatten hat sich aber auch noch eine weitere, sehr positive Haltung zum Plättensegeln an sich entwickelt. Man schätzt die einfache, aber sehr zweckmäßige Konstruktion und das natürliche Baumaterial Holz wie etwa Fichte, Lärche, Föhre; Mahagoni, Zeder oder Gabun. Man genießt das entspannte Freizeitsegeln ebenso wie die Möglichkeit, bei Windstille einfach rudern zu können. Die Chiemseeplätte verbindet auf ideale Weise Bescheidenheit und Eleganz, klare Funktionalität und klassische Schönheit. Diese Kombination, die Begeisterung für die besondere Ausstrahlung dieser Boote, die gemeinsame Pflege von Tradition und die Rückbesinnung auf das Ursprüngliche fördern das Zusammengehörigkeitsgefühl von ehrgeizigen Regattaseglern und “Genußseglern” und lassen die Chiemseeplättengemeinschaft immer weiter wachsen.

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