Segeln am Chiemsee

Plaette-mit-Loch-im-Segel-1932Die Anfänge des Segelsports am Chiemsee lassen sich auf Grund fehlender Aufzeichnungen leider nicht genau nachvollziehen. Es ist aber anzunehmen, dass die “Chiemsee-Maler“ auch die ersten Sportsegler am Chiemsee waren. Mit Sicherheit trugen sie einen entscheidenden Teil dazu bei, dass sich die Segelei auf dem Chiemsee etablierte.

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Nachdem Ludwig I. München zur Kunststadt gemacht hat, zieht es viele Maler in die Hauptstadt, von denen manche auch die nähere Umgebung kennenlernen wollen. Von Frauenwörth und der besonderen Naturstimmung am Chiemsee fühlen sie sich magisch angezogen. So gelangt 1828 auch der Landschaftsmaler Maximilian Haushofer (1811-66) auf die Fraueninsel. Wieder zurück in München berichtet er seinen Freunden begeistert von der Schönheit und Ursprünglichkeit der Insel. 1829 lassen die ersten Künstler sich dort nieder – die Künstlerkolonie Frauenwörth wird gegründet.

In Prag, wo Haushofer an der Kunstakademie unterrichtet hatte, hatte er sich mit dem Advokaten Dr. Franz Stradal (1812–1879) aus Teplitz und dessen Schwiegersohn, dem Maler Christian Maximilian Baer (1853–1911) angefreundet. Angesteckt von der Begeisterung Haushofers und von diesem auf die Insel eingeladen kauft Stradal sich schließlich im August 1875 eine Villa mit Garten auf der Fraueninsel. Als passionierter Segler nimmt er auf seinen häufigen Segeltouren befreundete Maler wie Wilhelm Leibl und oft auch Insulaner mit.

rudolph-hirthRosa Baer, die Tochter von Dr. Stradal und Ehefrau von Christian Baer, schreibt in einem Brief an Oberpostmeister Meyer (Quelle SZ, 29.10.1966):
“Im Jahr 75 (gemeint 1875) kam mein Vater auf die Insel. Wir wohnten in diesem Sommer bei Generalarzt Krautwurst. Mein Vater kaufte dann die Villa hier von Ernst von Possart. Im Sommer 76 kam Leibl zum ersten Mal zu uns. Mein Vater war ein leidenschaftlicher Freund des Segelsports, ebenso Leibl. Da wir verschiedene Segelboote hatten, darunter einen großen Kutter, in dessen Kajüte acht Personen Platz hatten, so fühlte sich Leibl dadurch sehr angezogen. Und nun unternahm er mit Vater große und gewagte Segelfahrten…”

In seinen Erinnerungen berichtet auch der Maler Karl Raupp 1875 über die waghalsigen, halsbrecherischen Segelpartien des Münchner Malers Wilhelm Leibl und dessen Aiblinger Malerfreund Josef Sperl, die mit ihren mit Blei- und Ziegelsteinen beschwerten Jollen auf dem Weitsee manövrieren. Rudolf Hirth de Frènes, ein Freund von Josef Sperl, verewigt die beiden auf einem Gemälde, das in der staatlichen Kunsthalle in Karlsruhe ausgestellt ist.

Im Juli 1879 jedoch ereignet sich ein tragischer Unfall. Bei einer waghalsigen Sturmfahrt geht das Segelboot von Dr. Stradal unter. Stradal, der junge Inselfischer Georg Müller und der Bäckerssohn Adam Schweiberer ertrinken.

Auszug aus der „Ehrwürdigen erlesenen Chronik der Malerherberge auf Frauenwörth“
von Karl Raupp und Franz Wolter, erschienen 1900:

“Über Nacht fiel starker Wind ein und graue Wolkenzüge jagten über den Himmel. Das Segelboot lag fertig zur Fahrt, drei junge Männer standen zur Mitfahrt und Dienstleistung bereit. Voll Freude, wieder Schiffsplanken unter den Füßen zu fühlen, fuhr Dr. Stradal hinaus in die rollenden, rauschenden Wellen. Den ganzen Tag bis Abend. Er hatte weit draußen am Achenzipfel Backsteine lagern sehen und ließ einige davon zur Vermehrung seines Ballastes in sein Schiff einladen. Der Wind war noch stärker geworden. Einer von der Bedienung weigerte sich jetzt, weiterhin mitzufahren; er wollte lieber den weiten Weg um das süd-westliche Ufer zu Fuß zurücklegen. Noch einmal sah man das Segel von Frauenchiemsee aus – dann nicht mehr! Das Boot war gekentert und infolge des Ballastes sofort gesunken. Wohl ward es aus der Tiefe gehoben, aber keinen der Insassen fand man mehr…”

Von diesem tragischen Ereignis zeugt eine Gedenktafel im Münster der Fraueninsel zu Ehren der ertrunkenen Inselbewohner, sowie eine Gedenksäule für Dr. Franz Stradal, den ebenfalls ertrunkenen Bootseigner und Steuermann des Bootes, der als Mitbegründer des Segelsports am Chiemsee gilt. Der Überlebende, Sebastian Jell aus Prien, bedankt sich bei der Mutter Gottes mit einem Votivbild, das heute am Achenzipfel in der Nikolaus Kapelle hängt.

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Holmer-Lex

Plätte 5 und 10 – Foto: Holmer Lex

Nach diesem Unglück wird es etwas ruhiger um das Segeln am Chiemsee. Wenig ist aus dieser Zeit dokumentiert. Erst durch den Schwiegersohn Dr. Stradals, den Kunstmaler Christian Baer, beginnt das Interesse am Segeln langsam wieder zu wachsen. Durch ihn und den schon erwähnten Maler Karl Raupp sowie durch dessen Sohn Fritz kommt neuer Schwung in den Segelsport. Auch die jungen Brüder Stickler seien hier miterwähnt, die als unerschrockene Segler auffallen: manchmal kentern sie gleich mehrmals am Tag…
Viele Jahre später, 1926, wird Dr. Fritz Stickler zweiter Präsident des CYC.

Immer mehr neue Segelboote werden in Auftrag gegeben. Als durch das zunehmende Interesse am Segeln am 24. März 1913 schließlich der Chiemsee Yacht Club in Prien am Chiemsee gegründet wird, titelt die Zeitschrift „Die Yacht“ in Ausgabe 13 / Heft 14:
„Auf dem größten oberbayerischen See, dem Chiemsee, beginnt der Segelsport.“
Gründungsmitglied und erster Präsident wird Herbert Baer, Sohn des Malers Christian Baer. Noch im Jahr 1913 findet die erste Wettfahrt vor der Fraueninsel statt. Am 15. August 1914 trifft man sich zu einer zweiten Regatta vor der Fraueninsel. Leider wird es kriegsbedingt vorerst auch die letzte. Die Preisverleihung erfolgt auf der Fraueninsel im Gasthof „Linde“ im alten Künstlerzimmer.
1923 gründen Wassersportbegeisterte schließlich den Wassersportverein Fraueninsel – der später zur Heimat der Chiemseeplätte wird.

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