Lindchencup mit Conny

2014_LindchencupText: Frauke Vieregg | Fotos: Kai Schaufler

3. Oktober 2014, Lindchencup-Tag. Der Wetterbericht verspricht nur Gutes, es ist kurz nach 9.00 Uhr und ich stehe am Chiemseeufer.

Dichter grauer Nebel kriecht über den See, ein paar Enten dümpeln träge im Wasser. Connys Plätte ist startklar. Wir verzichten auf den angebotenen Schlepp und rudern – bei der kühlen Luft kann uns ein wenig Bewegung nicht schaden. Von Osternach aus hangeln wir uns von Bucht zu Bucht über den See in Richtung Fraueninsel.

141004_plaettenregatta_lindchen-cup_fraueninsel_657_SmOb_opt_Hoesch-vs-Huber_Moment-des-Zweifels_sLangsam hebt sich die Nebeldecke und befreit silbriges Licht, das durch einzelne Segel fällt, als leuchteten sie von selbst. Ein magischer Morgen. Von allen Seiten tauchen sie auf, die kleinen Chiemseeplätten. Die einen werden gesegelt, die anderen gerudert, manche geschleppt – acht hintereinander! Alle haben das gleiche Ziel, wie von einem unsichtbaren Magneten angezogen: Die Fraueninsel. Allein für diese verzauberte Stimmung hat es sich schon gelohnt, aufzustehen.

Am Westufersteg machen wir fest, Plätte an Plätte. Dann geht es ab in die Linde zum Wast Obermeier vom WVF, der jedes Jahr den Lindchencup Regina ausrichtet, Höhepunkt und gleichzeitig das große Finale der Plättensaison.

Vertraute und neue Gesichter. Es wird gemeldet, aufgelistet, sortiert, getippt, spekuliert, begrüßt, gelacht und erklärt – ein Dreieckskurs, da segelt ihr so ein Dreieck, und deshalb heißt das Dreieckskurs, aha, und den fahrt ihr dann zweimal herum. Bei der Auslosung der Gruppen sind zu viele Zettel im Topf, also nochmal ziehen, dann stehen die Gruppen fest. Ergebnis-Tippscheine werden ausgefüllt und abgegeben, danach gibt es traditionell leckere Ente mit Knödel und Blaukraut. Und dann verschwindet einer nach dem anderen zu seinem Boot.

13.30 Uhr. Wir folgen dem Startschiff auf die Ostseite der Insel.

IMG_1454Und dann warten wir. Auf den Start. Auf den Wind. Darauf, dass endlich die Bojen ausgelegt werden. Aber es passiert nichts, der Wind ist eingeschlafen, und die Ente kann in aller Ruhe verdaut werden. Bleierne Schwere legt sich über die stolze Flotte aus 48 Plätten und 8 Schratzen. Warm ist es, sonnig und friedlich, ein traumhafter Herbsttag. Ein Schärenkreuzer zieht erhaben seine Bahn durch die Plättenreihen. Hinter einem halben Meter Objektiv verschanzt 141004_plaettenregatta_lindchen-cup_fraueninsel_263_SmOb_opt_sfängt Fotograf Uli Seer die Stimmung ein. Vom Presseschiff klingen Gitarrenakkorde übers Wasser, Proud Mary, rollin´on the river. Von wegen. Wir leihen uns Werkzeug, um unseren abgeknickten Windanzeiger zu richten. Lassen uns die Kamera vom Nachbarboot reichen, damit die fotografierende Crew auch mal selbst aufs Bild kommt – verflixt, schon wieder ist das Windanzeiger-Staberl ab! Richten den Windanzeiger ein zweites Mal. Holen uns gute Ratschläge für die optimale Segelstellung. Manfred Götz klettert an Bord, zurrt den Baum fest und strafft das Vorderliek. Ein kleiner Schluck von seinem Hustensaft – kommen wir damit durch die Dopingkontrolle? Jetzt wäre ein Kaffee recht. Ob die Regatta abgebrochen wird? Es ist schon vier Uhr! Aber das Plättentoto! Und die Wettfahrtleiter Hannes Niggl und Charly Zipfer behalten die Nerven. Das Startschiff fährt weiter nach Osten, die Flotte folgt. Und wieder warten.

Dann kommt Bewegung in die Regattaleitung. Der Anker wird gelichtet, zielstrebig geht es noch weiter ostwärts auf den See hinaus. Tatsächlich hat der Hannes den richtigen Riecher gehabt, vor Chieming ziehen die Segel schneller dahin, das Wasser ist ein dunkelblauer Streifen. Da kommt der Wind! Eilig werden die Bojen ausgelegt, wir kreuzen aufgeregt an der Startlinie. Noch sechs Minuten, noch fünf, noch eine, schnell ein Blick rüber zu den Champions, noch mal wenden, wohin setze ich mich für den optimalen Trimm, da ist das Startsignal, schade, eine Wende zu viel, die anderen Teilnehmer rauschen an uns vorbei, aber dann haben wir uns sortiert und nehmen die Verfolgung auf.

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Unsere Gruppe hat immerhin den dritten Platz geschafft – und beim Plättentoto habe ich sogar zwei Richtige…

Der Lindchencup, das ist so wie ein Ausflug ins Paradies, sinniert der Kai. Man bringt einen kleinen Einsatz, und auf magische Weise schüttet Fortuna ihr Füllhorn über den Plättenseglern aus. Eine Mischung aus Seglerglück, Ruhm und Reichtum, Harmonie und Harmonika, Freibier und Ente. Man wankt glücklich beseelt und irgendwie reich beschenkt heim und kann die Plättensaison zufrieden beschließen. Dank der großzügigen Gastfreundschaft des Lindenwirtes Sebastian Obermeier und der guten Organisation des WVF ist der Lindchencup einfach Kult, eine Institution, und mit keiner anderen Regatta zu vergleichen. Das fängt schon bei der vielsagenden Illustration vom Huber Wast an, die jedes Jahr die Einladung ziert, und endet noch lange nicht bei der Ente.

Ich bin so dankbar, dass ich das miterleben darf, nun schon zum zweiten Mal. Dank Dir, liebe Conny, und Deiner schönen Plätte. Unsere Regatten sind bisher jedes Mal kleine Abenteuer gewesen, ganz besondere Erlebnisse.

Nach Gstadt aufs Festland komme ich dann auf dem Seebrucker Wasserwacht-Luxusliner im Geleit einer netten Mannschaft. Weißes Mondlicht glitzert im aufgewühlten Wasser, und dann entdecke ich es schließlich doch noch am funkelnden Nachthimmel: das Sternbild der großen Plätte.